December 7, 2023

Gastbeitrag: Achtsam leben und arbeiten

Wie Unternehmen eine achtsamkeitsbasierte Personalentwicklung etablieren

Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum liegt unsere Möglichkeit, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit. (V. Frankl)

Veränderungen in Gesellschaft und Arbeitswelt

Moderne Arbeitswelten stellen Unternehmen und Mitarbeitende vor ständig neue Herausforderungen. Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel, demografischer Wandel und der Umgang mit Krisen erfordern eine gesteigerte Konzentration, eine schnelle Auffassungsgabe, Flexibilität und Adaptionsfähigkeit.

Multitasking, ständige Erreichbarkeit sowie Zeit- und Leistungsdruck stellen immer mehr psychische Anforderungen an alle Mitarbeitenden. Die Folgen sind arbeitsbedingte Belastungen und Stress. Die Fähigkeit, mit diesen Folgen gesundheitsförderlich umzugehen und Maßnahmen zur Erhaltung mitarbeiterbezogener Ressourcen zu entwickeln, wird zunehmend zur Herausforderung für Unternehmen.

Mit Blick auf die wechselnden und zunehmenden Anforderungen etablieren immer mehr Unternehmen eine achtsamkeitsbasierte Personalentwicklung. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen im Arbeitskontext belegen, dass Achtsamkeitsübungen die Fähigkeiten fördern, die Menschen in modernen Arbeitswelten benötigen. Seit Jahren integrieren Organisationen wie Google, Bosch, Siemens oder SAP achtsamkeitsbasierte Personalentwicklungskonzepte und bieten ihren Mitarbeitenden spezielle Weiterbildungen und Trainings an.

Wirkung von Achtsamkeit (Quelle: Prof. Dr. Sabine Brunner)

Achtsamkeitstrainings im Arbeitskontext stärken nicht nur die Stressresistenz der Mitarbeitenden, sondern schulen auch den Umgang mit Veränderungsprozessen. Durch die bewusste und nicht wertende Erfahrung der Gegenwart können „achtsame“ Mitarbeitende Stresssituationen isoliert von den eigenen Empfindungen betrachten. Dadurch steigt die Akzeptanz für die momentane Situation.

Belastende, vergangene oder zukünftige (erinnerte oder konstruierte) Arbeitssituationen rücken in den Hintergrund, was eine konstruktive Stressbewältigung bewirkt. Sinkende Krankheits- und Arbeitsausfälle belegen wissenschaftliche Untersuchungen.

 

Eine kurze Einführung in Achtsamkeit

Achtsamkeit ist eine natürliche Fähigkeit von uns Menschen. Sie unterscheidet sich von Mensch zu Mensch in ihrer Ausprägung und ist keine Geisteshaltung oder spirituelle Weltanschauung.

Achtsamkeit ist eine Bewusstheit. Die Bewusstheit zu wissen, was gerade in der momentanen Situation passiert. Eine Bewusstheit mit einer nach innen und/oder außen gerichteten Aufmerksamkeit und Konzentration, die alle unsere Sinne umfasst.

Durch Achtsamkeit lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf den Augenblick. Neugierig und bewusst beobachten wir Wahrnehmungen und Gedanken wertfrei, ohne zu urteilen.

Achtsamkeit muss geübt werden. Üblicherweise ist unser Gehirn darauf gerichtet Gedanken, Situationen oder Begegnungen zu bewerten und durch Verhaltens- und Gedankenmuster zu steuern, die wir uns in der Regel über mehrere Jahre angeeignet haben (z. B. durch Erfahrungen, Lernen, Erziehung und Erlebnisse). Das erleichtert es uns, im Alltag unseren Aufgaben nachzugehen, ohne groß darüber nachzudenken. Unsere Wahrnehmung ist dadurch jedoch stark eingeschränkt und verstetigt unsere Denkgewohnheiten. In diesem Modus agieren wir automatisch, im sogenannten Autopiloten.

Achtsamkeitsübungen öffnen den Menschen für den jeweils gegenwärtigen Augenblick. Sie trainieren die Aufmerksamkeit und schärfen die Wahrnehmung für Denkgewohnheiten. Sie schaffen eine Distanz, die es ermöglicht, bewusst zu handeln, bzw. eine Bewusstheit für den Augenblick zu entwickeln.

Die Wirksamkeit von Achtsamkeitsübungen wurde bereits im Kontext von Medizin, Gesundheitswissenschaften und Unternehmen in zahlreichen wissenschaftlichen Studien untersucht. Folgende positive Ergebnisse werden durch aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen belegt:

  • Positive Stressbewältigung
  • Frühzeitiges Erkennen von individueller Leistungsfähigkeit
  • Steigerung der Produktivität
  • Effektive Zusammenarbeit im Team
  • Förderung von neuen Denk- und Handlungsmustern

  

Handlungsempfehlungen

Um Achtsamkeitstrainings erfolgreich in die Personalentwicklung aufzunehmen, sollten zuvor achtsamkeitsförderliche Bedingungen geschaffen werden. Allem voran sollte ein Konsens bezüglich der Einstellung, Vorstellung und ein Verständnis für das Thema Achtsamkeit erzielt werden.

Achtsamkeit sollte als wichtige Maßnahme zur Personalentwicklung und Gesundheitsförderung im Unternehmen anerkannt sein. Neben der Etablierung einer Achtsamkeitskultur sollte in der Unternehmenskultur das Thema Achtsamkeit als wichtiger Bestandteil etabliert sein. Störungsfreie Räumlichkeiten und Zeiten unterstützen den Transfer in den Arbeitsalltag.

Erfolgreiche Achtsamkeitstrainings als Personalentwicklungsmaßnahme enthalten eine gute Balance aus klassischen und arbeitsbezogenen Übungen und beziehen sich auf Trainingsmodule von acht Einheiten á 2 Stunden pro Woche.


Ausblick

Eine Kultur der Achtsamkeit in Organisationen unterstützt die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt nachhaltig zu bewältigen. Es hilft, nachweislich Mitarbeitenden mit den Herausforderungen des Alltags – privat als auch beruflich – umzugehen und die eigenen Ressourcen situativ und fokussiert zu nutzen.

Eine gelebte Achtsamkeitspraxis sorgt für einen geringeren Krankheitsstand, eine innovationsfreudigere Organisationskultur, ein besseres Betriebsklima und eine höhere Zufriedenheit mit sich und dem Unternehmen.

 

Quellen und weiterführende Informationen:  

Chang-Gusko Y.-S., Heße-Husain J., Cassens M., & Meßtorff C. (Eds.). 2019.

Achtsamkeit in Arbeitswelten: Für eine Kultur des Bewusstseins in Unternehmen und Organisationen. FOM-Edition. Wiesbaden: Springer Gabler.

Donaldson-Feilder, E., Lewis, R., & Yarker, J. 2019. What outcomes have mindfulness and meditation interventions for managers and leaders achieved? A systematic
review. European Journal of Work and Organizational Psychology, 28(1): 11–29.

Kabat-Zinn, J. 1994. Wherever you go, there you are: Mindfulness meditation in everyday life (1st Edition). New York: Hyperion.

Kabat-Zinn, J. 2003. Mindfulness-based interventions in context: Past, present, and future. Clinical Psychology: Science and Practice, 10(2): 144–156.

Reb, J., Allen, T., & Vogus, T. J. 2020. Mindfulness arrives at work: Deepening our understanding of mindfulness in organizations. Organizational Behavior and Human
Decision Processes, 159: 1–7.

Prof. Dr. Sabine Brunner

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